Welchem Sozialen Netzwerk gehört die Zukunft? Ist Xing künftig noch relevant für die Unternehmenskommunikation, oder stirbt das deutschsprachige Businessnetzwerk den langsamen Tod, der ihm seit Jahren prophezeit wird? Wird Facebook bald nur noch von alten Menschen genutzt? Schafft Twitter den Schritt zum Massennetzwerk, bevor endgültig das Geld oder die Ideen ausgehen?

Die digitale Avantgarde debattiert seit Jahren aufs Angeregteste über diese und andere Fragen. Doch die Antworten stehen in den Sternen. Und natürlich in den Aktienkursen der Muttergesellschaften. Denn wie wir wissen, sind die Märkte meistens schlauer als der Mensch. Schließlich lehrt schon die Effizienzmarkthypothese des Wirtschaftsnobelpreisträgers Eugene Fama, dass der Aktienkurs alle öffentlich verfügbaren Informationen über ein Unternehmen enthält. Grund genug für uns, einmal zu schauen: Was sagen die Aktienkurse der Sozialen Netzwerke eigentlich über deren Zukunft aus? Kommen Sie mit auf einen kleinen Rundgang durch eine beinahe ernst zu nehmende Analyse von Fundamentaldaten und Chartmustern.

Facebook: Anteil junger Nutzer sinkt – Gewinn und Aktienkurs steigen

Ja, Facebook laufen die jungen Nutzer weg, weil plötzlich auch Mama und Papa das Netzwerk zu ihrer virtuellen Heimat machen. Und ja, wenn Mark Zuckerberg und Co. nicht aufpassen, dann passiert mit der nicht ganz billigen Neuerwerbung WhatsApp bald dasselbe. Dennoch müssen sich Marketingverantwortliche nicht sorgen: Facebook steht eindeutig eine glänzende Zukunft bevor.

Die Aktie erklimmt nach dem Stotterstart an der Börse immer neue Höhen. Die Charts zeigen, dass ein langfristiger Aufwärtstrend ergänzt wird durch einen noch steileren kurzfristigen Aufwärtstrend. Und die Ende Januar veröffentlichten Geschäftszahlen zeigen, dass Facebook im Jahr 2013 wirklich ordentlich Geld verdient hat:  1,5 Milliarden Euro nämlich, lässige 28-mal so viel im Vorjahr. Noch heftiger als der Aufwärtstrend an allen Fronten ist eigentlich nur die Bewertung der Aktie: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt derzeit bei 114. Die Börse scheint dem Netzwerk also noch viel Wachstum zuzutrauen. Ob die Aussichten für den Aktienkurs genauso rosig sind wie für das Unternehmen selbst, sei angesichts des Bewertungsniveaus einmal dahingestellt.

Twitter: hohe Verluste, niedrige Wachstumsrate

Oh je, Twitter: weniger Nutzer als erwartet, dafür aber höhere Verluste – so lassen sich die jüngsten Unternehmenszahlen des immer noch netten 140-Zeichen-Dienstes zusammenfassen. Twitter schaffte es, bei einem Umsatz von 665 Millionen US-Dollar stolze 645 Millionen US-Dollar Verlust anzuhäufen. Kein Wunder, dass die Börse wenig amüsiert reagierte und die Aktie mit heftigen Kursverlusten abstrafte. Wie im Chart zu sehen ist, begann schon vor der Veröffentlichung der Geschäftszahlen  – nun allerdings hat er sich noch einmal verschärft. Kurzfristig wird viel davon abhängen, ob die Aktie aus der Seitwärtsrange ausbrechen kann, in der sie sich nach den starken Kursverlusten befindet. Und längerfristig scheinen die Marktteilnehmer zumindest skeptisch zu sein, ob Twitter sich dauerhaft unter den großen Netzwerken halten kann.  Hohe Sympathiewerte allein reichen dauerhaft eben nicht.

LinkedIn: kurzfristig abwärts, langfristig aufwärts?

Im Chart dieses Unternehmens herrscht ein wildes Durcheinander: Der Aktienkurs bewegt sich derzeit in einem mittelfristigen Trendkanal abwärts, zwischendurch sorgen kurze Ausbruchsversuche immer wieder für Optimismus – klassische Trendumkehrmuster wie eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation (als “SKS” im Chart eingezeichnet) oder ein doppeltes Top dämpfen aufkeimende Hoffnungen aber stets schnell. Und auch die Gewinnentwicklung war zuletzt eher so lala. Nun aber sorgt eine neue Entwicklung für echte Spannung: Der Kurs ist erneut nach oben abgeprallt, sodass sich ein langfristiger Aufwärtstrend ausgebildet hat. Geht es nun endlich wieder nachhaltig nach oben? Und könnte die gerade erst für alle Nutzer freigeschaltete, recht umstrittene Blogging-Funktion ihren Teil dazu beitragen? Fragen über Fragen – sicher ist in jedem Fall, dass LinkedIn sich sehr bemüht, von der digitalen Adresskartei endgültig zum vollwertigen Sozialen Netzwerk zu werden. Und gerade für B2B-Unternehmen dürfte es angesichts der guten Nutzbarkeit für den Vertrieb ohnehin in vielen Fällen erste Wahl sein.

Xing: der unwahrscheinliche Champion

Oder ist LinkedIn vielleicht doch nur zweite Wahl? Denn während man über Gestaltung und Funktionalität der Plattformen selbst streiten mag, ist eines klar: Der Chartverlauf der Xing-Aktie sieht deutlich schöner aus als der des großen internationalen Konkurrenten. Da gibt es zunächst einen langfristigen Aufwärtstrend, der bereits so oft bestätigt wurde, dass man fast geneigt ist, sich blind auf ihn zu verlassen – Skepsis hin, Vorsicht her. Dann gibt es auf kürzere Sicht eine wunderbare W-Formation, auf die am 25. Februar auch prompt ein heftiger Ausbruch nach oben folgte: Xing hatte gerade den Jahresgewinn um 15 Prozent gesteigert und die Ausschüttung einer Sonderdividende angekündigt. Ach ja: Die Mitgliederzahlen wuchsen ebenfalls – und zwar so stark wie seit vier Jahren nicht. Irgendwie scheint das kleine gallische  deutschsprachige Dorf unter den Sozialen Netzwerken sich also weiterhin sehr erfolgreich dem Aus zu verweigern. Für Marketing-Verantwortliche kann es angesichts der Entwicklung nur einen Weg geben: den hin zu Xing und zum Aufbau einer attraktiven Präsenz dort.

Vielleicht lohnt es sich aber auch, neben der Charttechnik auch ein paar weitere Faktoren in die Analyse einzubeziehn. Wenn nötig, helfen wir Ihnen sogar dabei…

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Holger Handstein

Senior Editor | Head of Content bei Edelman.ergo
Holger Handstein arbeitet seit 2011 bei Edelman.ergo. Die Schwerpunkte des Senior Editors sind Pressearbeit und digitale Kommunikation für Anbieter von Exchange Traded Products und derivativen Wertpapieren. Zuvor arbeitete er als freier Journalist und für die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Privat bloggt er auf der-privatanleger.de.

2 Antworten bisher.

  1. Volker Gerding sagt:

    Wie immer regt auch dieser Artikel von Ihnen, Herr Handstein, zum Nachdenken an. Ich habe mir die Frage gestellt, ob Aktien von Sozialen Netzwerken wirklich ein langfristig zu empfehlendes Investment für Privatanleger sind. Dazu habe ich mir als erstes einen Zettel genommen und notiert, was z.B. die originären Leistungen von Twitter, Facebook und Co. sind. Was zeichnet die bekannten Unternehmen vor anderen Firmen aus, die ähnliches anbieten? Besonders viel gab es nicht zu notieren. Mir kam allerdings beim Schreiben ein Soziales Netzwerk in Erinnerung, das in ihrer Auflistung fehlt, weil es nie an der Börse notierte und wahrscheinlich das Pech hatte, zu früh am Markt zu sein – das Netzwerk „Wer kennt wen“. Vor ein paar Jahren gab es wohl kaum einen Jugendlichen mit Internetanschluss, der nicht in diesem Netzwerk aktiv war. Doch auch bei dieser Community kam es zu einer ähnlichen Entwicklung wie jetzt bei Facebook, die Jugendlichen erkannten, dass auch die Eltern und Lehrer sich auf ihren Seiten tummelten und wechselten zu Facebook, ein Unternehmen, welches zur rechten Zeit am rechten Ort war. Aber wie lange noch? Facebook baut keine komplizierten Hybrid-Motoren oder installiert Offshore-Windkraftanlage und die Frage ist, wie lange sich globale Dienste überhaupt noch ihrer Machtstellung behaupten können, bei all den viel spezifischeren Möglichkeiten im Netz zum Austausch – diese Seite und all die anderen Blogs sind hierfür ein gutes Beispiel. Erstaunt war ich auch, welche zahlreiche Alternativen es bereits für „WhatsApp“ gibt – und für diesen scheinbar simplen Dienst wurde ein Preis bezahlt wie zur besten Tulpenspekulation. Vielleicht zeigen die Charts auch nur, dass sich die Spekulation ihrem Ende nähert und dass ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 114 einfach absurd ist. Als Warnung könnten aus meiner Sicht z.B. sehr schön die Charts der Solaraktien dienen….

  2. Hallo Herr Gerding,

    danke für Ihren Kommentar. Ich kann Ihr Misstrauen gegen ein KGV von 114 gut nachvollziehen. Und ich möchte sicherheitshalber noch einmal klarstellen, dass die Analyse am besten mit einem Augenzwinkern gelesen werden sollte.

    Vor allem ging es mir dabei eigentlich darum, die Entwicklung der Börsenkurse einmal als Anhaltspunkt dafür heranzuziehen, ob es sich für Marketingverantwortliche lohnt, Zeit und Geld in eine Präsenz in dem einen oder anderen Netzwerk zu investieren.

    Denn bekanntlich wird an der Börse ja die Zukunft gehandelt, und bekanntlich spiegeln sich in einem Kurs alle Öffentlichkeit bekannten Fakten und Einschätzungen zu einem Unternehmen. Und wenn der Markt, der ja bekanntlich klüger ist als die meisten Experten für sich genommen, FB ein derart hohes KGV zugesteht, dann spricht das zumindest einmal dagegen, dass ein Bedeutungsverlust unmittelbar bevorsteht.

    Ob es für ein Investment in die Aktie spricht, ist dann wieder eine andere Geschichte.

    Viele Grüße
    Holger Handstein