Teilen statt Besitzen und am besten gleich alles verkaufen: Unter Schlagwörtern wie Share Economy, Einfaches Leben und Minimalismus ist der Lebensstil des Weniger-ist-mehr aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Vorbilder der Bewegung sind Menschen wie der US-Amerikaner Dave Bruno, der seine gesamte Habe auf 100 Dinge reduziert hat („The 100 Thing challenge“). Oder der Investmentbanker Rudolf Wötzel, der noch vor der Finanzkrise Lehman Brothers und Deutscher Bank den Rücken zukehrte, um stattdessen in den Alpen eine Alm zu betreiben.

Varianten des Einfachen Lebens gibt es viele. Allen Anhängern gemein ist ihre Einstellung zu Geld und Glück. „Geld macht nicht glücklich“, meinen sie, die Downsizer, Simplyfier und Minimalisten. Für die Finanzbrache haben sie nur ein abfälliges Lächeln übrig. Auch die vielbeschriebene Generation Y wünscht sich anscheinend vor allem Freiheit und Freizeit, nicht Reichtum. Naht damit das Ende der Finanzbranche und der Finanzkommunikation?

Zugeben, der konsumkritische Lebensstil hat einen gewissen Reiz. Er steht für bewusstes Leben und oft auch für Gemeinschaftlichkeit. Fast automatisch scheinen die Anhänger sympathisch. Geld gilt hingegen immer noch als schmutzig. Wer möchte schon sein wie Dagobert Duck: im Geld schwimmend und ungeliebt?

Allerdings greift die Ansicht der finanziellen Enthaltsamkeit etwas kurz: Geld alleine macht vielleicht nicht glücklich – aber zum Glücklichsein braucht man auch Geld. Das ist nicht nur Blog-Geschwafel, sondern das Ergebnis etlicher wissenschaftlicher Studien. Ökonomen, Psychologen, Soziologen – sie alle haben sich immer wieder mit der Frage beschäftigt, ob Geld glücklich macht. Die wohl bekannteste Studie der Reichtum-Glücksforschung stammt bereits aus den 1970er-Jahren und befasst sich mit dem prototypischen Traum vom Reichtum: dem Lottoglück.

Wohlstand macht glücklich – oder nicht?

Was würden Sie machen, wenn Sie im Lotto gewinnen? Reisen, ein großes Haus kaufen, Partys mit vielen gut gelaunten Menschen feiern oder sich lieber auf eine einsame Insel zurückziehen? Die Wünsche sind sicherlich individuell unterschiedlich, doch eines ist klar: Dann wäre man glücklich. Aber stimmt das wirklich?

Die Forscher gingen genau dieser Frage nach und ließen Menschen, die gerade zwischen 50.000 und einer Million US-Dollar im Lotto gewonnen hatten, einige Zeit lang täglich ihre Glücksgefühle dokumentieren. Der Clou an der Studie war, dass die Forscher gleichzeitig Personen befragten, die gerade einen Unfall erlebt hatte und nun querschnittsgelähmt waren. Das verblüffende Ergebnis: Die Lottogewinner erlebten nicht mehr Glücksmomente als die Unfallopfer oder als Menschen, denen nichts Besonderes passiert war. Im Gegenteil, die Neureichen gaben sogar weniger Glücksgefühle an. Zu einem ähnlichen Ergebnis war kurz zuvor der Wirtschaftswissenschafter Richard Easterlin gekommen. Er untersuchte den Zusammenhang von Wohlstand und Glück auf nationaler Ebene im Zeitverlauf und stellte fest: Der Wohlstand ist seit der Nachkriegszeit erheblich angestiegen, aber deutlich glücklicher sind die Menschen nicht geworden.

Dieses „Easterlin-Paradox“ bereitet Wirtschaftswissenschaftlern theoretisch heute noch Kopfzerbrechen. Denn in der Ökonomie werden Geld und Glück schließlich oft gleich gesetzt: Das Ziel allen Handelns ist Nutzenmaximierung. Nutzen lässt sich in monetären Einheiten ausdrücken. Und mehr ist immer besser, so die Annahmen.

Warum also sind weder die Lottogewinner, noch generell die Menschen in Wohlstandsgesellschaften immer glücklicher geworden?

Die erste Erklärung ist, dass der Mensch nicht nur ein Gewohnheitstier ist, sondern auch ein Gewöhnungstier. Wir sind schlecht darin, Emotionen zu antizipieren, das heißt einzuschätzen wie wir uns nach einem seltenen Ereignis wie einem Lottogewinn fühlen würden. Meist überschätzen wir den Effekt drastisch. In Wahrheit passt sich der Mensch an veränderte Lebensumstände schnell an. Manche Wissenschaftler gehen gar davon aus, dass sich das individuelle Glücksniveau überhaupt nicht langfristig verändern lässt, da jeder Mensch einen „Set-Point“ habe, auf dem sich das Glück immer wieder einpendelt. Manche Menschen erachten das Glas eben als halb voll, andere als halb leer.

Die zweite Erklärung fühlt sich für Ökonomen schon wieder mehr nach heimischem Terrain an. Denn sie argumentiert mit dem abnehmenden Grenznutzen. Wenn man 40.000 Euro im Jahr verdient, machen 10.000 mehr einen großen Unterschied. Wenn man 400.000 Euro verdient, fallen die 10.000 schon weniger ins Gewicht und bei vier Millionen fast gar nicht mehr. Im Einklang mit dieser Erklärung haben Daniel Kahneman (der als Psychologe einen Wirtschaftsnobelpreis erhielt) und der Ökonom Angus Deaton festgestellt, dass mehr Geld irgendwann keinen Glückzuwachs mehr nach sich zieht. Bereits bei umgerechnet etwa 60.000 Euro Jahreseinkommen liegt laut ihrer Studie die „Glücksgrenze“.

Geld steigert die Lebenszufriedenheit

Haben die Minimalisten und Anhänger der Share Economy also tatsächlich Recht? Nicht ganz. Die Studie von Kahneman und Deaton zeigt nämlich eine wichtige Unterscheidung auf. Und zwar die, dass es verschiedene „Glücksarten“ gibt. Genauer gesagt muss man emotionale Glücksmomente von der eher kognitiven Einschätzung der Lebenszufriedenheit unterschieden. Das emotionale Glück kann Geld nicht bis ins Unermessliche steigern. Im Gegenteil, bei „zu viel Geld“ kommen irgendwann negative Wirkungen wie Missgunst und Neid anderer Personen hinzu („Mein Haus, mein Auto, meine Yacht…“). Zudem können (Neu)Reiche die kleinen Freuden des Alltags nicht mehr wertschätzen, folgerten die Autoren der Lottogewinner-Studie.

Ganz anders sieht es hingegen bei der Lebenszufriedenheit aus: Für jene kann es gar nicht genug Geld geben! Mit mehr Geld kann man schließlich in die Umgebung ziehen, die man möchte, sich eine bessere Gesundheitsversorgung leisten und ähnliches. Für diesen positiven Zusammenhang von Einkommen und Lebenszufriedenheit sprechen inzwischen viele Untersuchungen aus verschiedenen Ländern.
Manche Studien haben zudem herausgefunden, dass Menschen mit hohem Einkommen besser mit negativen Lebensereignissen zurechtkommen und weniger negative Gefühle im Alltag erleben. Glücklich-Sein und Unglücklich-Sein sind nämlich zwei unterschiedliche Dinge, die durchaus gleichzeitig existieren können.

Auch das Easterlin-Paradox wurde inzwischen durch genauere statistische Analysen gelöst: Wohlstandsgesellschaften sind doch glücklicher als arme Nationen (zumindest in den meisten Fällen).
Die Antwort auf die Frage, ob Geld glücklich macht, muss also heißen: Ja, macht es, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Vor allem jedoch macht Geld zufrieden und weniger unglücklich.

Herausforderung Finanzkommunikation: Positive Einstellung zu Geld vermitteln

Die Finanzbranche muss daher kaum um Ihre Existenz fürchten. Die Finanzkommunikation wird jedoch jonglieren müssen. Einerseits sollte sie den Wunsch nach einer tieferen Lebenserfüllung ansprechen, der die Generation Y und die Share-Economy-Freunde treibt. Andererseits darf sie nicht ihr Kerngeschäft vergessen: zu vermitteln, dass langfristiger Aufbau von Reichtum und Vermögen erstrebenswert ist. Das sollte ihr aber auch nicht schwer fallen, denn der Wunsch nach dem großen Geld schlummert trotz allem immer noch in den (meisten) Menschen. Immerhin nimmt jeder zweite Deutsche mindestens einmal im Jahr an einem Glücksspiel wie Lotto teil, so Auswertungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Wer wird Millionär?“ läuft seit 15 Jahren erfolgreich im Fernsehen; immer noch schauen pro Folge rund sechs Millionen Menschen zu.

Wenn bei Umfragen (zum Beispiel vom Allensbach Institut) zwei von drei Personen sagen, Geld und Glück hätten nichts miteinander zu tun, dann wohl auch, um nicht als gierig und oberflächlich dazustehen oder um die eigene Dissonanz zu reduzieren, die entsteht, wenn Wunsch und Sein nicht zusammenpassen: Wenn man selbst nicht viel Geld hat, ist es unangenehm eine positive Einstellung gegenüber Reichtum zu haben. Die Einstellung zu ändern und davon auszugehen, dass Geld ohnehin egal ist, löst dieses Spannung auf und tröstet.

Doch mal ehrlich: Wäre man glücklicher in einer 18-Quadratmeter-Wohnzelle als in einem 150-Quadratmeter-Haus mit Garten? Wer möchte nur Nudeln und Brot essen statt sich Restaurants und Reisen leisten können, ohne an Geld zu denken? Geld als Selbstzweck macht nicht glücklich, aber Geld für ein gutes Leben auszugeben, sehr wohl. Die Psychologen Elisabeth Dunn und Michael Norton meinen sogar, wen Geld nicht glücklich mache, der gebe es nicht richtig aus. Sie haben acht Strategien des „glücklichen Geldausgebens“ entwickelt, die das Wohlbefinden nach den Erfahrungen der Wissenschaftler tatsächlich steigern. Zu diesen „Happy Money“-Strategien zählen unter anderem, andere Menschen finanziell zu fördern. Aussichtsreich scheint auch, sich besondere Erlebnisse zu leisten.

Insofern die Konsumenten jene Ratschläge anwenden – bewusst oder unbewusst – dürfte Europa in den nächsten Monaten ein wahres Glückshoch erleben. Schließlich flutet die EZB mit Geld die Märkte und die Verbraucher scheinen den Anstoß aufzugreifen. Um 1,5 Prozent sollen die Ausgaben der Privathaushalte in diesem Jahr ansteigen, ließ die GfK vergangene Woche verkünden. Ob durch das günstige Geld dann allerdings langfristig Lebenszufriedenheit entsteht, wird jedoch nicht zuletzt in Deutschland bezweifelt.

 

P.S: Auch die Kollegen der SZ haben das Thema jüngst aufgegriffen:  www.sueddeutsche.de/geld/forschung-zur-zufriedenheit-mehr-geld-mehr-glueck-1.2370429

 

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Holger Nacken

Managing Director | Head of Financial Services bei Edelman.ergo
Holger Nacken ist Managing Director und Head of Financial Services bei Edelman.ergo. Er berät Asset Manager und andere Finanzdienstleister in allen Fragen der Kommunikation. Nacken hat Volkswirtschaft in Köln studiert und dort auch die Kölner Journalistenschule besucht. Danach war er mehrere Jahre Redakteur beim Handelsblatt. Seit 2003 arbeitet er bei Edelman.ergo.

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