Können Sie sich noch an Naina erinnern? Nein? Kein Wunder, denn die Debatte, die sie anstieß war so schnell vorbei, wie sie begonnen hatte. Gerade einmal drei Monate ist es her, dass die 17-jährige Schülerin ganz Deutschland mit ihrem Tweet spaltete. Inzwischen hat Naina ihren Twitter-Account stillgelegt. Und ihre Botschaft gerät in Vergessenheit. Dabei reichten 135 Zeichen aus, um die Bildungsdebatte zu entfachen: Sie würde gerne mehr über Finanzen, Versicherungen und Immobilien wissen – Kenntnisse, die sie in der Schule nicht vermittelt bekommt. Völliger Unsinn sagen Nainas Kritiker. Sie sei einfach zu faul, sich im Internet oder bei ihren Eltern zu informieren. Schülern beizubringen, wie sie leben sollen, sei immerhin nicht die Aufgabe der Schule.

Nainas Tweet

Nainas Tweet verursachte im Januar eine aufgeregte Debatte über Finanzbildung.

Viel Kritik und dann Stille – war Naina also nur ein Einzelfall? 16.000 Retweets und knapp 30.000 Favorisierungen beweisen das Gegenteil. So wie ihr geht es vielen Schülern. Typisch für die Generation Y, die eigentlichen Digital Natives. Zwar sind sie mit dem Internet aufgewachsen. Dass Wissen durch die Digitalisierung zu einer unbegrenzten Ressource geworden ist, überfordert die meisten jedoch. Laut Naina überrollt die Flut von Daten ihre Generation – das Selektieren und Herausfiltern der wichtigen Informationen fällt ihnen schwer. Und auch auf die Hilfe ihrer Eltern können die meisten nicht hoffen, zumindest nicht, wenn es um Finanzwissen geht. Aktuelle Studien beweisen wieder einmal, dass Deutschland in Sachen finanzieller Bildung immer noch Entwicklungsland ist.

Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen

Deswegen sollte dringend etwas passieren. Denn die Jugend interessiert sich entgegen dem weit verbreiteten Vorurteil doch für etwas. Nur genug gefördert wird sie in Sachen Wirtschaft und Finanzen nicht. Und wenn das Googeln nicht mehr hilft und die Eltern auch nicht weiter wissen – an wen sollen sie sich dann wenden, wenn nicht an die Schule? Um es mit einem ehemaligen Bundespräsidenten zu sagen: Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen, damit Finanzwissen auch in der Bildungspolitik einen festen Platz bekommt.

Das wird allerdings nicht einfach, so zumindest die Vermutungen von Finanzexperten wie Peter Zwegat. Nach Meinung des TV-Schuldnerberaters fehlt den Politikern immer noch der Wille Hilfestellung zu leisten, obwohl ihnen die Problematik durchaus bekannt ist. Das sei auch ein Grund dafür, dass Deutschland bei der letzten Pisa-Studie nicht am ersten Finanzwissenstest teilnahm, der jedoch auch ohne die Deutschen schlechte Ergebnisse zu Tage brachte. Jeder Siebte war mit einfachen Aufgaben wie dem richtigen Lesen einer Rechnung überfordert. Deutsche Jugendliche hätten vermutlich ähnliche Resultate geliefert.

Mangelnde Bildung schürt Angst vor Finanzthemen

Und wer in der Jugend schon mit den einfachsten Finanzaspekten nicht zurechtkommt hat auch im reiferen Alter Probleme: 43 Prozent der Deutschen sehen die persönliche Finanzplanung als notwendiges Übel, und nur jeder Zehnte beschäftigt sich einmal in der Woche mit dem Thema. So lauten die Ergebnisse der Aktion pro Aktie, der größten deutschen Direktbankenstudie von comdirect bank, Consorsbank, DAB Bank und ING-DiBA, die fast zeitgleich mit Nainas Tweet veröffentlicht wurde. Auch hier wird deutlich: Die Deutschen haben starke Berührungsängste, und diese Furcht geht mit Bildungslücken einher. Gerade einmal 10 Prozent der Befragten konnten den Kursverlauf des DAX korrekt wiedergeben und über die Hälfte ist sich sicher, dass die Aktie die risikoreichste aller Anlagen ist.

Und eben diese Menschen, die selbst Angst vor Finanzthemen haben, sollen ihre Kinder zu Finanzexperten erziehen? Das ist eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Verständlich also, dass Naina sich wünscht, darüber in der Schule mehr zu erfahren. Die Realität sieht dennoch anders aus, denn nicht die Schule sondern die Eltern sind die erste Anlaufstelle bei Finanzfragen, dicht gefolgt von der Informationsquelle Internet – die Jugendliche ja scheinbar überfordert. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von TNS Infratest. Das Institut hat 2.500 Jugendliche im Alter zwischen 17 und 27 Jahren gefragt, wie sie sich über finanzielle Dinge informieren. Nur knapp ein Drittel der Jugendlichen erhält Finanzinformationen in der Schule. Damit schließt sich der Kreis, und das Problem bleibt weiterhin bestehen – Aktienkultur ade.

Jetzt ist die Zeit, etwas zu ändern

Naina hatte also vollkommen Recht – allen Kritikern zum Trotz. Natürlich heißt das nicht, dass Gedichtinterpretationen vom Lehrplan verschwinden sollen. Die momentane Stille nach der kurzen Diskussion um Finanzunterricht in Schulen ist jedoch das falsche Signal. Wenn jetzt nichts passiert, wird sich auch die nächste Generation vor Finanzthemen fürchten. Förderung und Bildung sind wichtige Mittel, mit denen Deutschland eine gesunde Aktienkultur aufbauen kann. Warum also nicht in Schulen und Universitäten beginnen? Auch wenn das Fach Finanzwissen in weiter Ferne liegt: So mancher Schüler findet bestimmtt auch freiwillige AGs nach dem eigentlichen Unterricht hilfreich.

Doch das Thema finanzielle Bildung allein dem Staat zu überlassen, greift ebenfalls zu kurz. Es ist ebenso eine Herausforderung für die Kommunikations- und Marketingabteilungen der Finanzbranche, sich darüber Gedanken zu machen. Wie können sie ihre künftigen Kunden überhaupt erst einmal in die Lage versetzen, zu verstehen, welchen Zweck ihre Produkte erfüllen? Viel wird derzeit in der Branche über Content Marketing diskutiert. Vielleicht wäre es eher an der Zeit, über Campus Marketing nachzudenken.

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Marie-Therese Friemann

Volontärin bei Edelman.ergo
Marie-Therese Friemann arbeitet seit September 2014 bei Edelman.ergo. Ihr Ausbildungsschwerpunkt liegt auf der redaktionellen Arbeit. Vor ihrer Zeit bei ergo studierte sie Politik in Spanien und war als freie Journalistin bei einer Lokalzeitung tätig. Sie hat einen Bachelorabschluss in Journalismus und Unternehmenskommunikation.

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