Regulierer, Verbraucherschützer, Journalisten, eigentlich alle fragen, wann denn nun endlich der nötige Kulturwandel bei Banken kommt. Gegenfrage: Sollen wir das wirklich wollen?

Wollen wir wirklich, dass Banken zu Streichelhaien werden?

Wollen wir wirklich, dass Banken zu Streichelhaien werden? (Bild: istockphoto, © cbpix)

So ist das mit Reflexen: Kaum verknackt ein Londoner Gericht einen der vermeintlichen Fürsten der Finsternis im Skandal um Libor-Manipulationen, wird sie wieder ins Schaufenster der öffentlichen Erregung gestellt, die Frage aller Fragen, die eine, die vermeintlich alles entscheidende. Wie es denn um den so dringend nötigen Kulturwandel bei Banken bestellt sei? Wann denn endlich Schluss sei mit der „Kultur der Abzocke“, fragt etwa die Süddeutsche Zeitung, mit der in zahlreichen Banken verrotteten Kultur, in denen Bankern „auf der Jagd nach Boni“ offenbar „jede legale, aber unmoralische“ Methode recht ist. „Es wird allerdings dauern“, so fürchtet der Kommentator schon selbst, „eine über Jahrzehnte eingeübte Kultur der Abzocke in Konzernen mit zehntausenden Beschäftigten zu ändern.“

„Holla die Waldfee“, denkt man und wünscht dem Autor eine rasche Pulsberuhigung. Bei ruhiger Betrachtung drängt sich der Verdacht auf, dass hier etwas durcheinander gerät. Denn wie kann es sein, dass zehntausende in ihrer verrotteten Kultur schmorende, lichtscheue, vermutlich Ork-ähnlich raffzahnige Bankbeschäftigte (im Originaltext heißen sie „Finanzmarkt-Rambos“, aber das nur nebenbei) ihren dunklen Abzocke-Geschäften nachgehen. Über Jahrzehnte. Und dabei Konzerne entstehen, die offenbar prosperieren? Trotz Riesenboni. Entweder ist der Rest der Menschheit komplett verblödet und merkt nicht, wie er ausgesaugt wird, und zwar seit Jahrzehnten – oder irgendetwas stimmt nicht an dem Bild, so schön plastisch es auch daherkommt.

Könnte es sein, nur mal so als Gedankenspiel, dass wir alle irgendwie mit drinstecken – im Guten wie im Schlechten? Dass wir genau die Banken haben, die wir verdienen?

Wem ein bisschen am disziplinierten Umgang mit Begriffen wie „Kultur“ und „Moral“ gelegen ist, wer darüber hinaus nicht im unerschütterlichen Selbstbewusstsein lebt, stets und automatisch auf der Seite des Guten und Wahren zu stehen und zwischen Schwarz und Weiß eine Menge Grautöne kennt, dem wird unwohl bei solchen Kulturwandel-aber-sofort-Gedanken. Und zwar aus einer Reihe von Gründen.

Fangen wir beim Begriff „Kultur“ an. Selbst die schlichtesten Modelle und Theorien   – zum Beispiel von Edgar Schein – machen deutlich, dass so eine Kultur, auch eine Unternehmenskultur, ein famos komplexes Gebilde ist, empirisch nur schwer festzunageln, voller unausgesprochener Regeln und Grundannahmen, mitunter widersprüchlich, manchmal offensichtlich dysfunktional, träge aber doch beweglich – und bei allem schlagzäh wie Polycarbonat. Da die Planstelle des Betriebsanthropologen aber selten besetzt ist, hapert es bei den meisten Unternehmen schon an einer fundierten Selbstanalyse. Zu glauben, man könne mit ein paar neuen Regeln, Schulungen und Benimm-Heftchen, einer etwas anderen Bonifizierung und genügend Zeit die Kultur verändern in einem Unternehmen, in einer Branche gar, die jeden Tag im globalen Wettbewerb steht und deren Kunden Höchstleistungen erwarten  – diese Vorstellung ist irgendwie rührend. Einerseits. Andererseits zeugt sie von verqueren Allmachtsfantasien einer Führungselite, die offenbar daran glaubt, top down Sozialarchitektur betreiben zu können. Nehmen wir zu ihren Gunsten an, ihre Vertreter hätten gar nicht weiter darüber nachgedacht, was das am Ende über sie selbst aussagt. Aber in der Summe bleibt es dabei: Die Vorstellung ist, so oder so, schlicht Quatsch.

Außerdem führt sie in die Irre. Wer Kulturwandel in und von Banken fordert, schiebt die drängenden Themen – bewusst oder ungewollt – auf die lange Bank. Da wird die Entschuldigung für den nächsten Skandal gleich mitgeliefert („ … stecken mittendrin, dauert halt, sind noch nicht so weit, ist ja auch komplex, war nur ein Einzelfall“ …). Darüber hinaus nährt diese Sehnsucht nach Kulturwandel auch noch, und das ist vielleicht viel schlimmer, die Vorstellung, eines schönen wenngleich fernen Tages sei sie da, die neue, wenigstens runderneuerte Kultur. Wie soll man sich das vorstellen? Friedliche, moralisch durchgetestete und als unbedenklich zertifizierte Bankerinnen und Banker haben von morgens bis abends sanft lächelnd nicht nur das Kundenwohl, sondern mindestens das Wohl der ganzen Volkwirtschaft, wenn nicht der ganzen Welt im Sinn? Sie gehen nur solchen Geschäften nach, die nicht nur Kunden glücklich machen, sondern zuerst die Gesellschaft. Banking nach dem Motto „wir helfen, wo wir nur können – hin und wieder sind wir halt auf Spenden angewiesen.“ In einer Branche, in welcher die Erinnerung an die fiesen Finanzmarkt-Rambos von einst langsam verblassen, während die Banker neuen Webmusters wie Streichelhaie im lauen Wellness-Becken ihre Runden drehen?

Okay, das ist Polemik. Daher ein Vorschlag: Lassen wir das Gerede vom Kulturwandel mal außen vor, wenn es schlicht darum geht, Fehlverhalten zu definieren, zu erkennen, zu ahnden und abzustellen. Denn genau darum geht es, nicht um mehr, nicht um weniger. Die Verurteilung des britischen Libor-Tricksers zeigt ja gerade, dass das System nicht komplett wehrlos ist – man muss gar nicht die ganz große Kulturkampf-Keule schwingen. Das gute alte Strafrecht reicht vielleicht nicht vollkommen, aber doch weit. Das befreit nicht nur die Atemwege hyperventilierender Kommentatoren, es befreit auch das Denken. Denn dann wird die Sache eigentlich ganz einfach.

Es gibt Regeln, und die sind einzuhalten. Basta. Wer gegen Regeln verstößt, muss mit Konsequenzen rechnen.

Wenn es hier und dort an wirkungsvollen Regeln und Sanktionen mangelt, müssen und können die Lücken geschlossen werden. Dass es Menschen und Institutionen gibt, die eifrig Lücken im Regelwerk suchen, um dort schnöde Vorteile finden zu wollen  –  wer wollte das sicher verhindern in einer Gesellschaft, deren Wohlstand (auch) auf Wettbewerb baut? Es wird also weiterhin Regelverstöße geben, machen wir uns nichts vor. Wichtig ist, dass sie nicht zu unkontrollierbaren Katastrophen führen und die Verursacher haften.

Dass Regeln für die Finanzmärkte und ihre Akteure in ihrer Gesamtheit einen ethischen Kanon reflektieren, einer Moral die nötigen Wirkungsmacht verleihen (sollten), wer wollte ernsthaft daran zweifeln? Aber es ist nicht mehr die conditio sine qua non, damit sich etwas ändert. Und das ist gut, denn es ist viel einfacher, Regeln zu ändern, für deren Durchsetzung zu sorgen, Verfehlungen zu sanktionieren, als gleich den ganz ganz großen Kulturwandel zu fordern. Und ganz nebenbei kann man sich dann auch das Gerede von einer durch und durch verkommenen Finanzbranche schenken und gerne darauf verzichten, eine moralische Fallhöhe auszubauen, die scheinheilig ist, bestenfalls am Thema vorbeigeht. Wer bei Banken gerne grundsätzlich nach der „licence to operate“ fragt, nach dem gesellschaftlichen Nutzen, der sollte ein paar Dinge bedenken.

  • Erstens: Banken haben Kunden (trotz allem, wie mancher Spötter zu sagen geneigt wäre). Man darf annehmen, dass die überwiegende Mehrheit von diesen nicht im Zustand geistiger Umnachtung oder unter Androhung von Waffengewalt zu eben solchen geworden ist. Es scheint irgendwo in der vielschichtigen Beziehung zwischen Banken und ihren Kunden eine beiderseitige Nutzenvermutung zu geben. Das genügt als Daseinsberechtigung vollkommen – alles andere hieße, Kunden im Grundsatz für unmündig zu erklären, sie als reine Opfer zu infantilisieren oder sie der Mittäterschaft zu bezichtigen. Alles keine schmeichelhaften Optionen, abgesehen vom Hochmut, der darin läge.
  • Zweitens: Es gibt jede Menge andere Unternehmen, zum Beispiel Garagentorhersteller, bei denen niemand auch nur auf die Idee käme, die Moralfrage zu stellen. Es genügt offenbar vollkommen, dass sie ordentliche Produkte unter ordentlichen Bedingungen herstellen und Kunden einen Nutzen stiften. Was ist bei Banken im Grundsatz anders? Dass Banken einen größeren Schaden anrichten können, rechtfertigt jedenfalls noch nicht den Ruf nach einer anderen moralischen Imprägnierung. Um die Risiken zu beherrschen, genügt es, siehe oben, schlicht bessere Regeln einzuführen und deren Einhaltung durchzusetzen.
  • Drittens schließlich: Ja, Banken wollen Geld verdienen. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es anderen Unternehmen aus anderen Branchen genauso geht. Ja, Banker sprechen auf Boni an, deswegen gibt es diese Boni. Unter uns: Auch das gibt es in anderen Unternehmen und zwar aus den identischen Gründen. Man kann ja gerne über die Verhältnismäßigkeit streiten. Aber das geht vollkommen ohne moralischen Zeigefinger.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist kein Plädoyer für entfesselte Finanzmärkte und gegen Bankenregulierung. Es ist auch kein Freispruch für Fehlleistungen von Finanzinstituten, für Lug und Betrug zwischen Kundeschalter und Backoffice. Es ist eins gegen billige Empörung, Doppelmoral und falsch verstandenes Kulturwandel-Geraune, das in der Sache eher schadet und daher weder angebracht noch hilfreich ist. Dafür ist das Thema zu ernst, oder?

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Tobias Mündemann gehört zu den Gründern von ergo Kommunikation und ist heute Chairman of the Board. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Beratung von Kunden bei der Entwicklung von Kommunikationsstrategien, insbesondere in Sondersituationen und Krisen, sowie die Beratung und das Coaching von Vorständen und Führungskräften. Er unterstützt dabei häufig Unternehmen aus der Finanzbranche, mittelständische und Familienunternehmen.

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