Final Times: Die letzte Ausgabe der FTD

Final Times: Die letzte Ausgabe der FTD

Genau drei Jahre ist es her, dass die Financial Times Deutschlands ein letztes Mal erschien. Mehr als 300 Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch die Zusammenlegung der FTD-Redaktion mit den anderen Gruner+Jahr-Wirtschaftstiteln Capital, Börse Online und Impulse hatte das Ende nicht verhindern können. Obwohl sie als Vorreiter einer ganzen Branche galt und bei Lesern wie Medienmachern hohes Ansehen genoss, kam die FTD nie aus den roten Zahlen heraus.

Die mit dem Henri-Nannen-Preis gekrönte Schlussausgabe (schwarzes Titelblatt mit Logo „Final Times Deutschland“) von 7. Dezember 2012 kursiert immer noch auf EBay und bei Amazon – als Erinnerung für Nostalgiker des Wirtschaftsjournalismus. Der FTD-Mythos lebt weiter. Doch was ist auch den Machern geworden? Wir haben recherchiert. Das Ergebnis:

Viele der ehemaligen FTDler haben nach dem Aus der lachsrosa Kult-Zeitung etwas länger gesucht oder ein-, zweimal das Medium gewechselt. Doch nun scheinen die meisten wieder fest in einem passenden Sattel zu sitzen.

FTDler sind über die ganze Medienlandschaft verteilt

Mehr als die Hälfte hat eine neue Festanstellung als Redakteur oder Redakteurin gefunden. Die ganze Bandbreite der deutschen Medienlandschaft ist abgedeckt: vom Burda-Fashion-Magazin Harper´s Bazaar (Cosima Jäckel) über den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag shz (Joachim Dreykluft) und Die Welt (Claudia Kade, Peter Raffelt) bis zu FAZ (Friederike Böge, Philipp Jaklin) und Zeit (Hanna Grabbe, Claus Hecking, Björn Maatz); Print und Online ebenso wie TV (Martin Benninghoff, Bernhard Hübner) und Nachrichtenagentur (Annika Graf). Gefühlt sitzt in jeder deutschen Redaktion inzwischen jemand mit FTD-Erfahrung.

Besonders die oberste FTD-Redakteurs-Riege hat erneut prominente Positionen inne. Chefredakteur Steffen Klusmann arbeitete nach Ende der FTD für einige Monate als stellvertretender Chefredakteur des Stern und ist seit November 2013 Chefredakteur des Manager Magazins. Sein damaliger Stellvertreter, Sven Clausen, ist ihm nach einem halbjährigen Zwischenstopp beim Investigativ-Team der Welt-Gruppe zum MM gefolgt. FTD-Kollege Tim Bartz ist ebenfalls beim MM gelandet. Auch der zweite Ex-FTD-Vize, Stefan Weigel, hat seine Funktion beibehalten und „nur“ den Arbeitgeber getauscht: Er ist heute stellvertretender Chefredakteur bei der Rheinischen Post. Zur RP hat es inzwischen auch Rainer Leurs verschlagen, früher FTD Ressort Weekend, zwischenzeitlich SPON. Chefökonom Thomas Fricke ist nun Chefökonom der European Climate Foundation. Selbst das Stiftungswesen profitiert also inzwischen von der Erfahrung der ehemaligen FTDler.

Capital, Stern und Impulse: Etliche sind im Metier geblieben

Während viele der ehemaligen Financial-Times-Deutschland-Mitarbeiter einen neuen Job gefunden haben, mussten sich andere erst gar nicht auf die Suche begeben: Etwa zwei Dutzend der Ex-FTDler arbeiten weiterhin (oder wieder) für Gruner + Jahr, vor allem für Capital (zum Beispiel Kai Beller, Jens Brambusch, Horst von Buttlar, Monika Dunkel, Georg Fahrion, Martin Kaelble, Christian Kirchner, Nils Kreimeier, Hans-Jürgen Möhring, Britta Langenberg, Timo Pache, Christian Schütte, Thomas Steinmann, Marina Zapf, Jenny von Zepelin geb. Genger, Ines Zöttl) und Stern (Annette Berger, Lukas Heiny, Jan Schnoor).

Ein Teil der FTDler ist bei Impulse untergekommen (aktuell Heike Burmeister, Antonia Götsch, Jonas Hetzer, Andreas Kurz, Felix Wadewitz). Das ehemalige G+J-Medium war wenige Wochen nach dem FTD-Tod vom Chefredakteur, Nikolaus Förster, aus der Gruner+Jahr-Familie herausgekauft worden. Felix Wadewitz, Berlin-Korrespondent von Impulse und früher FTD-Redakteur im Magazin-Ressort, erinnert sich: „Für mich war der Wechsel kurz und schmerzlos.“ Nikolaus Förster habe sich schnell ein Team herausgepickt, das für Impulse arbeiten sollte. Heute freut sich Wadewitz sogar über die verbesserten Arbeitsbedingungen: im Loft mit Einzelbüro statt im Keller-Großraumbüro. Dennoch sei die Zeit vor drei Jahren emotional belastend gewesen: „Mein Kollege am Schreibtisch gegenüber gehörte nicht zu den Auserwählten und musste gehen. Da konnte man sich nicht wirklich darüber freuen, dass der eigene Arbeitsplatz mehr oder weniger bestehen bleibt.“

Sehnsucht nach „sicherem Fahrwasser“

Tatsächlich haben nicht alle der damaligen FTD-Mitarbeiter wieder eine Festanstellung gefunden (oder wollten wieder eine annehmen). Etwa ein Viertel arbeitet nun als freie Journalisten. Einige schreiben für verschiedene Medien (zum Beispiel Heinz-Roger Dohms, Kristin Hüttmann, Susanne Klein, Meike Schreiber und Martin Virtel), andere kombinieren journalistische Aufträge mit eigenen Projekten – wie Herbert Fromme (Versicherungsmonitor) oder Andreas Theyssen (Opinion Club).

Matthias Brügge, einstiger Online-CvD der FTD, hat sich nach Ende der Zeitung entschlossen, als Freelancer auch Aufträge im Bereich des Corporate Publishing anzunehmen. Denn mit Jobangeboten sei er nicht gerade überhäuft worden; erst recht nicht, da er nach Ende der FTD erst mal eine Elternzeit einlegte. So erstellte Brügge zwei Jahre lang einen Newsletter für Unternehmenskunden der Hamburger Sparkasse. „Auch PR-getriebene Aufträge anzunehmen, das erschien mir angesichts der schwelenden Medien-Krise sinnvoll“, sagt er. Zu wissen, dass der Auftraggeber wirtschaftlich in sicherem Fahrwasser unterwegs ist, sei sehr beruhigend gewesen. Mittlerweile hat Brügge aber doch wieder bei einem Medium angeheuert. Er arbeitet als News-Chef bei Auto Bild Digital, für die er vorher schon frei tätig war.

Seitenwechsel: Vom Journalismus in die PR

Während Brügge neben PR auch weiter journalistisch arbeitete, hat etwa ein Sechstel der ehemaligen FTD-Journalisten ganz die Seite gewechselt und ist in die Öffentlichkeitsarbeit gegangen. Inhaltlich sind die meisten im Wirtschaftssektor geblieben. Sie kommunizieren nun für Banken (Jochen Mörsch; Claudio de Luca), den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (Jörn Paterak, Karsten Röbisch, Thomas Wendel) und für Wirtschaftsforschungsinstitute (Nicolas Schöneich, Guido Warlimont). Ein kleiner Teil ist in Agenturen tätig (Dirk Benninghoff, Martin Ottomeier, Michael Prellberg) oder hat sich mit einer eigenen Agentur selbständig gemacht (Axel Kintzinger, Matthias Lambrecht).

Die ehemaligen FTDler sind heute also weit verstreut. So traurig wie der Tod des Blattes war: Der Branche hat es vielleicht geholfen, sich weiterzuentwickeln. Denn auch an neuen Projekten, die jüngst in der deutschen Medienlandschaft für Aufsehen gesorgt haben, sind ehemalige FTDler beteiligt. Jennifer Lachman (früher FTD-Unternehmensressort) wurde vom Karrierenetzwerk Xing als Chefredakteurin für die neue Redaktion „Klartext“ ins Boot geholt. Und Georg Dahm (ebenfalls früher im FTD-Unternehmensressort) hat mit seinem digitalen Wissenschaftsmagazin „Substanz“ bewiesen, dass sich Journalismus auch über Crowdfunding finanzieren lässt. Anfangs zumindest.

Erfolgreich Scheitern lernen

Denn obwohl für den Start 37.000 Euro gesammelt wurden und das Magazin für den Grimme Award und den Leads Award nominiert wurde, liegt die Arbeit nach nur sechs Monaten schon wieder auf Eis; zu wenig Abos wurden verkauft. Ein weiterer Investor muss gesucht werden. Das Konzept soll nun in Richtung stiftungsfinanzierte Lehrredaktion für Studierende, Volontäre und Praktikanten gehen. „Wenn es mit dem ersten Konzept nicht klappt, steuert man eben um”, meint Dahm.

Dass es nicht gleich geklappt hat, war für Dahm ein besonderer Schlag. Schließlich ist der Wissenschaftsredakteur mehrfach gebeutelt. Nach dem Aus der FTD hatte er zwar sofort einen Job beim Spiegel-Verlag-Magazin New Scientist erhalten. Doch kurz darauf gehörte auch dieses Medium der Vergangenheit an. Ein Déjà-vu. „Als ich hörte, dass der New Scientist ebenfalls eingestellt wird, dachte ich, die wollen mich verarschen“, berichtet Dahm. Hilflos fremden Geschäftsentwicklungen ausgeliefert und ständig die Gefahr im Nacken, dass der Arbeitgeber pleite geht – das wollte Dahm nicht mehr. Daher gründete er zusammen mit seinem New Scientist-Kollegen Denis Dilba eine GmbH, um Substanz zu kreieren. Der Name ist Programm und eindeutig von der FTD-Erfahrung geprägt: Fail better. „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Samuel Beckett). Vielleicht klappt es ja dieses Mal.

2 Antworten bisher.

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